Stille Nacht, heilige Nacht

Jahresendabrechnung für 7-jährige

Heute mal ein kleiner Auszug aus meinen Kindheitserinnerungen. Dies ist noch eine, der harmloseren Alltagserinnerungen, trotzdem besteht hier für den ein oder anderen eine
Triggergefahr!!!!

Meine Mutter hatte wohl auch Sehnsucht nach heiler Familie, was man zwar selten spüren konnte, aber immerhin zur Weihnachtszeit hat sie sich echt Mühe gegeben und versucht Freude auf den Heiligen Abend zu verbreiten. Gut, das sie beim kochen schon vormittags getrunken hat, war ja normal. Und das sie dann am Abend besoffen im Bett lag oder bei ihrer „Freundin“ war, auch das war normal. Aber immerhin, sie schaffte es trotzdem, das wir uns darauf gefreut haben.
Natürlich hatten wir nicht viel Geld, aber sie gab sich Mühe und sie klärte mich auch auf, das der Weihnachtsmann schließlich jeden Tag sehen würde und er nicht glücklich über mich ist. Aber das würde er mir dann schon zeigen, aber vielleicht hat er ja doch ein Geschenk für mich? Also war einen Wunsch äußern mal wieder überflüssig? Ich ging in meinem Kopf nochmal zurück und musste zugeben, das meine Bilanz echt schlecht war…
Der Jagdhund von meinem Stiefvater überfahren, die Tür und das Fenster zerschlagen, und etliche andere Dinge gingen auf mein Schuldkonto, da konnte echt nichts bei rüberkommen. Und meine Mutter hat natürlich nicht vergessen mir alles täglich unter die Nase zu reiben und mir zu erklären, das meine Schwester so lieb ist und sie sich nie über Cindy ärgern muss. Sie war echt verzweifelt, sie reißt sich jeden Tag ein Bein aus um uns ein schönes Leben zu bieten und ich ruiniere immer alles mit meiner Dummheit. Es war zum verzweifeln mit mir. Aber das entscheidet am Ende der Weihnachtsmann…
Heiligabend, der Superfamilientag. In der Hoffnung auf ein Geschenk und einen ruhigen Tag, habe ich mir vorgenommen, keinen Fehler zu machen und alles so zu machen wie gewünscht, eben nur keinen Streit auslösen. Was auch gut geklappt hat und die Vorfreude auf den Abend wuchs auch bei mir. Am Nachmittag wurde das Wohnzimmer abgeschlossen und wir durften nicht mehr rein, da ja der Weihnachtsmann den Baum schmücken muss. Die Aufregung stieg und wir waren echt neugierig. Dann kam der Moment, als wir ins Wohnzimmer durften. Ja, da stand ein wunderschöner Weihnachtsbaum und darunter vier bunte Teller mit Süßigkeiten. Ich habe mich so darüber gefreut, auch wenn ich mir schon damals nicht viel aus Schokolade gemacht habe. Ich habe mich einfach gefreut, das ich doch etwas bekommen habe. Das gab mir doch Hoffnung, das ich nicht ganz so schlimm war.
Wie eine ganz normale Familie haben wir dann zusammen gegessen und haben auf den Weihnachtsmann gewartet. Auf einmal meinte meine Mutter, sie müsse nochmal ganz dringend weg, aber sie will sich beeilen. Na toll… aber Wiedersprechen ging nicht, denn ich wollte ja „lieb“ sein und keinen verärgern. Kurz danach polterte es an der Tür und mein Stiefvater meinte, wir sollten die Tür aufmachen…. Was natürlich keiner wirklich wollte, Mutti war nicht da und wir hatten Angst. Ich glaube, er hat dann die Tür aufgemacht und herein kam der Weihnachtsmann oder wie ich feststellen musste, meine verkleidete Mutter.
Ich war echt schockiert, denn ich wusste nicht was ich schlimmer finden sollte. Denn egal was ich jetzt sage oder mache, ich bekomme was mit der Rute und das wird definitiv weh tun.
Meine Schwester hatte da nicht so viel Probleme, denn sie erzählte gleich, das Mutti leider gerade nicht da ist, aber sie immer brav ist und auch ein Gedicht kann. Kann auch sein, das es ein Lied war, aber ich habe mich nicht getraut auch nur irgendeinen Ton von mir zu geben. Sie bekam ihre Geschenke und setzte sich freudestrahlend wieder damit auf ihren Platz.
Nun war ich dran. Ich stammelte mein Gedicht vor und wartete auf die Rute, die natürlich auch ohne Gnade kam. Mir wurde erklärt, das ich mich unbedingt bessern muss, denn mit solch bösen Kindern kann der Weihnachtsmann nichts anfangen und ich soll mal darüber nachdenken, was ich meiner Familie jeden Tag antue…. Keine Träne kam von mir, denn er hatte ja Recht, alle sind nur wegen mir unglücklich und wenn ich jetzt nicht weine und verspreche, das ich mich bessern will? Dann geht es schnell vorbei und ich kann ins Bett gehen.
Und dann?
Tatsächlich sagt mir der Weihnachtsmann, er hat ein Geschenk für mich. Ich konnte es kaum glauben, aber ja es waren sogar zwei um genau zu sein. Man was habe ich mich gefreut und kann gar nicht mehr sagen, was dann kam… Aber auf einmal war meine Mutter wieder da, heuchelte wie traurig sie wäre, weil sie nun den Weihnachtsmann verpasst hat und gleichzeig zeigte sie mir freudestrahlend, das ich jetzt stolze Besitzerin einer Puppe, und einem dazugehörigen Puppenbett bin. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich geweint habe, aber ich war unendlich traurig. Was soll ich denn bitte mit einer Puppe und dem anderen Kram? Da ich gerade versprochen hatte, in Zukunft lieb zu sein und meine Mutter nicht vergessen hat, mir gleich mitzuteilen wie teuer das war und wie sie das Bett in ihrer „knappen“ Zeit selbst gebastelt hat, schwieg ich lieber und genoß die Ruhe an diesem Abend.
Im Bett habe ich bitterlich geweint (natürlich leise) aber ich konnte nicht verstehen, was ich mit dieser hässlichen Puppe anfangen sollte, da ich mehr mit Autos gespielt habe oder draußen war. Ich hatte meine Schwester von Geburt an gewickelt, gefüttert und habe aufgepasst, also was soll ich mit Puppen. Ich konnte echt auch in den nächsten Tagen nicht damit spielen, ich fand es einfach nur blöd. Sagen konnte ich aber auch nichts…. Kurz nach Silvester war ich dann mal wieder draußen beim spielen und kam auf die Idee wenigstens den alten Puppenwagen sinnvoll für mich zu nutzen und baute ihn zum „Auto“ um. Jetzt war damit was anzufangen, denn anscheinend habe ich nur Cindy damit spazieren gefahren und die war nun doch zu groß dafür. Also baute ich den Korb ab und Bretter drauf, schon war mein „Flitzer“ fertig. Ich hatte riesen Spaß einen Hügel immer wieder runter zu fahren und zu sehen wie weit es rollen kann. Man was war ich stolz darauf, meine Auto war superschnell.
Nur musste ich als es dunkel wurde wieder nach Hause und mir war irgendwie klar, wenn ich erwischt werde gibt es mächtig Ärger. Also versteckte ich mein Gefährt in unserer Scheune und schlich mich rein.
Aber mir sieht man immer gleich an, wenn ich was angestellt habe und so wurde ich solange geschüttelt bis ich erzählt habe, was ich getan habe. Der Tag endete mit der üblichen Prügel mit dem Teppichklopfer, begleitet mit der verzweifelten Stimme meiner Mutter, die nicht mehr weiß was sie mit mir noch machen soll. Warum ich immer alles kaputt mache, warum ich nichts richtig machen könnte… usw. Am Ende landete ich wieder mal ohne Abendessen im Bett und die Tür wurde abgeschlossen mit den Worten ich soll mein dämliches Gesicht nicht mehr sehen lassen. Da dies mein Alltag war, lag ich im Dunkeln und dachte an die schönen Stunden draußen und wieviel Spaß ich mit meinem tollen Auto hatte.
Ich weiß nicht, aber vielleicht war mir mit meinen Sieben Jahren unbewusst schon klar, das es egal ist was ich mache, es ist auf jeden Fall falsch.
Es kam auch nicht so gut an, das ich der Puppe den Kopf kahl geschnitten habe und sie mit schwarzen Stiften „geschminkt“ habe… danach hab ich sie dann ganz zerstört und ihr Arme und Beine abgerissen.
Ich kann mich nur daran erinnern, wie entsetzt meine Mutter mich angeschaut hat, mich angeschrien und mit der Faust auf mich zu kam, dann wird es wieder dunkel….

Liebe Grüße von meinem inneren Kind


2 Gedanken zu “Stille Nacht, heilige Nacht

  1. Was für eine traurige Geschichte! 😢 Ich kann es einfach nicht fassen, wie manche Mütter das Leben ihres eigenen Fleisches und Blutes zur Hölle machen können. 😰
    Da habe ich echt Glück und dafür bin ich sehr dankbar, denn ich habe die besten Eltern der Welt! 😍

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    1. Liebe Gabi, ich weiß das es traurig ist, aber trotz allem hat meine Geschichte mich auch zu dem gemacht, wer ich heute bin und darauf kann ich stolz sein 😀 Und ja, gute Eltern zu haben ist wirklich großes Glück…. ❤

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